Forschungsbericht 30
Die Wallfahrt über das Steinerne Meer
H. Zier, S. Kitzbichler, W. Schwaiger, W. Brugger, E. Langenscheidt, F. Spiegel-Schmidt, T. Peer, W. Höhne, I. Weiften, W. Strobl, H.Wunder, P. Heiselmayer, J. Seidenschwarz, A. Aichhorn, R. Türk, R. Krisai, O. Lechner
1994
142 Seiten
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- Ein Anliegen als Vorwort 5
- Wallfahrt in religiöser Sicht 7
- Die Pinzgauer Wallfahrt nach St. Bartholomä 9
- Der Ausgangsort Maria Alm 21
- Der Wallfahrtsweg 23
- Der Zielort St. Bartholomä 29
- Das Steinerne Meer aus geologischer Sicht 37
- Berg, Stein und Wüste-heilig oder dämonisch 43
- Die Böden entlang des Weges 55
- Meditationen zur Erde und was sie hervorbringt 63
- Das Steinerene Meer-ein Meer ohne Wasser 67
- Wasser 71
- Die Flora der Talorte 79
- Die Pflanzenwelt des Wallfahrtsweges 83
- Verborgenes Leben am Wallfahrtsweg 99
- Flechten und Moose - oftmals unbeachtete Pflanzen 103
- Almwirtschaft am Steinernen Meer-einst und jetzt 119
- Vegetationsentwicklung am Steinernen Meer seit der letzten Eiszeit 123
- Eine Botschaft zum Mitnehmen 137
- Autorenverzeichnis 141
- Bildnachweis 143
Eine Botschaft zum Mitnehmen
Wallfahrt durch die Schöpfung
Vielfältiges ist dem vors Auge getreten, der dieses Buch gelesen und dabei erfahren hat, was alles an' Erinnerung menschlicher Geschichte, an Entwicklung und Formation der Erde, an Reichtum des Lebendigen dem Wanderer von Maria Alm nach St. Bartholomä begegnet. Solch ein Weg und die Betrachtung solcher Wege kann zur Wallfahrt werden. "Wie unterscheidet sich Wallfahrt vom bloßen Spaziergang, von Handels-oder Vergnügungsreise? Wallfahrt ist bewußte Entscheidung, sich auf den Weg zu machen, ist nicht nur Getrieben-oder Vertriebenwerden durch äußere Zwänge oder das Ablenkungsbedürfnis einer gelangweilten Seele. Wallfahrt wird unternommen nicht um bestimmter Zwecke willen, also um etwas zu erwerben oder zu erreichen, sondern um den Sinn unseres Auf-dem-Wegseins zu erspüren. Wallfahrten geht man in der Haltung frommer und ehrfürchtiger Offenheit, nicht in der Neugierde aufSensationen, im Streben nach Vielwissen, in der Habgier, Kostbarkeiten, Leistungen und Rekorde zu sammeln.
Wallfahrt zur Schöpfung
Für viele ist heute schon der Weg in die Natur eine Wallfahrt, gerade wenn sie ihnen, wie hier in diesem großen deutsch-österreichischen Schutzgebiet, noch als ursprüngliche Schöpfung entgegentritt. Es ist die Frömmigkeit ehrfürchtigen Staunens. Sie blickt nicht auf Nutzung und Verwertung, Erschließung und Bemächtigung, sondern einfach auf Kraft und Vielfalt, auf Schönheit und Würde des "Wirklichen. Was immer wir auch an Erkenntnis der langwierigen Entstehungsgeschichte von Bergen und Tälern oder des innersten Aufbaus der kleinsten Flechte gewinnen, stets bleibt doch das Geheimnis, das Wunderbare der Schöpfung. In diesem Geheimnis des Lebendigen aber begegnet der Mensch zugleich dem Wunder seines eigenen Daseins. So kann er in geschwisterliche Zwiesprache mit der Schöpfung treten, mit Stein und Bach, mit Distel und Dohle und mit der Weite einer Landschaft, die sich vor seinem Blick ausbreitet und übergeht in die Wolken des Himmels. Von solch einer Wallfahrt in die Natur kehrt der Mensch demütiger zurück, weil er seine Kleinheit vor ihrer Größe gespürt hat. Er kehrt erhoben und würdevoller zurück, weil er ihre Weite in sich aufgenommen hat. Er kehrt stiller zurück, weil die Geschwätzigkeit seiner Welt für eine Weile verstummt ist. Er kehrt zurück mit einem neuen Wort, einem neuen Lied in der Seele, weil er das Loben und Preisen gelernt hat.
Wallfahrt zum Schöpfer
Im Loben und Preisen wird der Mensch des einen Ursprungs alles Wunderbaren in Welt und Seele inne. So kann Wallfahrt Weg zum Schöpfer werden und Lobpreis seiner Güte. Die Dankbarkeit des Lobens macht neu sensibel für die Wunder der Schöpfung und zugleich für die Einheit alles Seienden. Der Wallfahrer bleibt darum nicht stehen vor einer bestimmten Gestalt der Natur, als ob sie göttlich wäre und absolut. Das ist ihm weder Sonne noch Mond, weder Berg noch Wasser, weder die Fruchtbarkeit des Lebens noch die Starre des Todes. Der Wallfahrer freut sich im Vorübergehen. Denn die Schönheit des Vergänglichen leuchtet dem Vorübergehenden auf; sie verdirbt, wenn wir ihr ganz velfallen und endgültige Erfüllung von ihr erwarten. Der Wallfahrer weiß um ein größeres und bleibendes Ziel, für das der Wallfahrtsort nur ein Zeichen ist. Auch das Gesamt der Schöpfung vergeht. Auch die Natur ist endlich und begrenzt. Sie kann vom Menschen zerstört werden, auch ohne ihn ist sie dem Verfall und Tod preisgegeben. Entropie und schwarze Löcher künden von dem Sog des Nichts. Die Natur ist kein göttliches ewiges Wesen, auch wenn sie noch Millionen Jahre bestehen mag. Sie hat nicht die Kraft zur Unsterblichkeit.
Wallfahrt zum Erlöser
Werden wir nicht hin-und hergerissen zwischen der Faszination der Schöpfung und der Grausamkeit, die im Gesetz des Fressens und Gefressenwerdens und im unerbittlichen Ende liegen? Spüren wir nicht in uns selber den Widerspruch zwischen unserer Aufgabe, mit der Natur zu leben, sie zu hüten, zu pflegen, ihrem innersten Wesen entsprechend zu gestalten, und unserer Schuld, die unsere Macht über sie mißbraucht, sie ausraubt und zerstört? Unseren geschichtlichen Weg durch die Schöpfung müssen wir darum auch als Bußwallfahrt gehen, aber zugleich als Wallfahrt der Hoffnung. Diese Hoffnung entspringt nicht der Stärke der Natur oder der Leistung des Menschen, sondern dem schöpferischen Gott, der in Jesus in diese unsere Geschichte eingetreten ist. Am Zielpunkt der Wallfahrt steht darum die Stätte und die Feier des Gedächtnisses an unseren Erlöser, seine Versöhnungstat am Kreuz und seine Auferweckung aus dem Tod. Gegenwärtig wird mit der geschichtlichen Heilstat die Hoffnung, die der Gemeinschaft der Kirche auf dem Weg durch die Zeit anvertraut ist. Ihre Zeugen sind die Heiligen wie Maria und Bartholomäus. Die Wallfahrt durch die Schöpfung endet an einem Ort, der Erlösung für die Geschichte der Menschen und für die ganze Schöpfung verheißt. 138
Wallfahrt mit der Schöpfung
Denn aufErlösung wartet nach Paulus die gesamte Schöpfung. Sie "seufzt und liegt in Geburtswehen" und soll "von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes". Sie "wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes" (Röm 8,19-22). Der Mensch, der durch die Schöpfung wallfahrtet, der ihre Schönheit preist, der sie schützt und hütet, der an ihr schuldig geworden ist und mit ihr sich ängstigt vor Leid und Tod, er kann gewiß nicht ihr Retter sein, aber Bote der Rettung, Träger der Hoffnung auf die schöpferische und neues Leben schaffende Kraft Gottes. Er kann verkünden: "Wenn einer in Christus ist, so ist er ein neues Geschöpf Das Alte ist vergangen, siehe Neues ist geworden" (2 Kor. 5,17). Wer durch die Schöpfung wallfahrtet, nimmt ihre Schönheit und ihre Bedrohtheit wahr. Er geht mit ihr den Weg, nicht mit Wehmut und Resignation, sondern in Hoffnung.

